Forsa-Studie: Jedes vierte produzierende Industrieunternehmen sieht sich gegenüber chinesischen Anbietern unterlegen / 28 Prozent haben bereits Aufträge an sie verloren / Ein breiter Rückzug aus dem Geschäft in China ist nicht erkennbar

Ein Viertel der produzierenden Industrie in Deutschland (25 Prozent) schätzt die eigene Wettbewerbsposition gegenüber chinesischen Anbietern auf dem europäischen Markt als unterlegen ein. 28 Prozent haben seit Anfang 2025 Aufträge oder Ausschreibungen an chinesische Anbieter verloren, 13 Prozent Bestandskunden. Gleichzeitig ist kein De-Risking erkennbar: Für 36 Prozent der Unternehmen, die in China aktiv sind, hat der chinesische Absatzmarkt sogar an Bedeutung gewonnen. Das ist das Ergebnis der Untersuchung ‚German Economic Pulse 2026‘, durchgeführt vom Meinungsforschungsinstitut Forsa im Auftrag der Unternehmensberatung FTI-Andersch.
28. Oktober 2026
  • Neue Insights
  • Ergebnisse können als repräsentativ für Unternehmen der Branchen Automotive, Maschinen- und Anlagenbau sowie Energieintensive Industrie (Chemie, Papier, Keramik und Metall) ab 10 Mio. Euro Jahresumsatz angesehen werden
  • Im Maschinen- und Anlagenbau sehen sich 77 Prozent gegenüber chinesischen Anbietern überlegen, zugleich haben dort 38 Prozent Aufträge an chinesische Anbieter verloren – der höchste Wert aller drei Branchen
  • 21 Prozent der Befragten haben Partnerschaften mit chinesischen Unternehmen aufgebaut, neun Prozent haben eigene Produktionskapazitäten für chinesische Partner geöffnet

Die Mehrheit der Unternehmen (52 Prozent) sieht sich gegenüber chinesischen Anbietern auf dem europäischen Markt überlegen, 25 Prozent halten sich für unterlegen (17 Prozent leicht, acht Prozent deutlich). In der energieintensiven Industrie überwiegt die wahrgenommene Unterlegenheit: 39 Prozent schätzen sich als unterlegen ein, 34 Prozent als überlegen. Der Maschinen- und Anlagenbau (77 zu vier Prozent) und die Automobilindustrie (72 zu 13 Prozent) sehen sich dagegen klar überlegen.

Bei den Folgen ergibt sich ein anderes Bild. 28 Prozent der Unternehmen haben seit Anfang 2025 Aufträge oder Ausschreibungen an chinesische Anbieter verloren, im Maschinen- und Anlagenbau 38 Prozent, der mit Abstand höchste Branchenwert. 13 Prozent haben Bestandskunden an chinesische Anbieter verloren, auch hier ist der Maschinen- und Anlagenbau am stärksten betroffen (22 Prozent; energieintensive Industrie: neun Prozent, Automobilindustrie: fünf Prozent). Die Automotive-Unternehmen bleiben bislang weitgehend verschont: rund vier von fünf (79 Prozent) berichten von keinerlei Folgen, 16 Prozent haben Aufträge verloren. Bei größeren Unternehmen ab 100 Millionen Euro Jahresumsatz liegen die Anteile höher: 34 Prozent haben Aufträge verloren, 26 Prozent Bestandskunden. 15 Prozent aller Unternehmen haben als Reaktion dauerhaft die Preise gesenkt, in der energieintensiven Industrie jedes fünfte (21 Prozent).

„Unterlegenheit bescheinigt sich kein Unternehmen leichtfertig selbst, auch nicht in einer anonymen Befragung. Dass ein erheblicher Teil der Industrie es trotzdem tut, ist bemerkenswert“, sagt Ralf Winzer, Senior Managing Director bei FTI-Andersch, der auf Restrukturierung, Business Transformation und Transaktionen spezialisierten Beratungseinheit von FTI Consulting. „Auffällig ist, dass die Branche, die sich am stärksten positioniert sieht, am häufigsten Aufträge verliert. Eine als überlegen eingeschätzte Wettbewerbsposition schützt nicht automatisch davor, Kunden und Aufträge zu verlieren.“

„Im Branchenvergleich berichten Automotive-Unternehmen bislang seltener von unmittelbar an chinesische Anbieter verlorenen Aufträgen oder Bestandskunden“, sagt Ralf Winzer. „Das bedeutet jedoch nicht, dass die Zulieferindustrie vom chinesischen Wettbewerb weniger betroffen ist. Der Druck wirkt derzeit vor allem über rückläufige Volumina etablierter europäischer Hersteller, chinesische Komponentenimporte und die Verlagerung von Wertschöpfung in Zukunftstechnologien. In vielen Fällen griffen chinesische OEMs bei ihrem Markteintritt in Europa zunächst auf bestehende chinesische Liefernetzwerke zurück.“

Reaktion: Abgrenzung über Herkunft und Qualität, jedes fünfte Unternehmen kooperiert mit chinesischen Partnern

Als Reaktion auf die zunehmende Aktivität chinesischer Unternehmen in Europa setzen die Unternehmen bislang vor allem auf Abgrenzung: 60 Prozent haben seit Anfang 2025 ‚Produktion in Europa‘ als Gütesiegel genutzt, 47 Prozent haben stärker auf Qualität oder Systemkompetenz gesetzt. Die eigenen Produkt- oder Prozesskosten gesenkt hat dagegen nur jedes fünfte Unternehmen (21 Prozent). Parallel dazu haben ebenfalls 21 Prozent Partnerschaften mit chinesischen Unternehmen aufgebaut, neun Prozent haben eigene Produktionskapazitäten für chinesische Partner geöffnet. Am häufigsten kooperiert der Maschinen- und Anlagenbau (30 Prozent Partnerschaften), also die Branche mit den höchsten Auftragsverlusten.

„Die beiden häufigsten Antworten auf den chinesischen Wettbewerb sind bislang, die europäische Herkunft als Gütesiegel zu nutzen und Qualität oder Systemkompetenz zu betonen. An der eigenen Kostensenkung oder Beschleunigung der Prozesse arbeitet zur Zeit nur jedes fünfte Unternehmen“, sagt Ralf Winzer. „Bei steigendem Preisdruck belastet dies absehbar Gewinnmargen. Daher legen auch Finanzierer hierauf verstärktes Augenmerk“.

Dass der Maschinen- und Anlagenbau zugleich die höchsten Auftragsverluste und den größten Anteil an Partnerschaften mit chinesischen Unternehmen meldet, ist nicht zwingend widersprüchlich. „Die Befragung zeigt nicht, ob es sich jeweils um dieselben Unternehmen handelt oder ob der Wettbewerbsdruck die Kooperation ausgelöst hat“, sagt Ralf Winzer. „Aus unserer Mandatserfahrung sehen wir jedoch, dass Unternehmen unter hohem Wettbewerbsdruck Partnerschaften zunehmend als strategische Option prüfen, etwa um Kosten-, Markt- oder Technologiezugang zu verbessern.“

Kein Rückzug aus China erkennbar

Auch wenn öffentlich zuletzt häufig De-Risking diskutiert wurde: Beim eigenen Geschäft in China zeigt sich kein wesentlicher Rückzug. 48 Prozent der Unternehmen haben in den letzten drei Jahren Geschäfte in oder mit China gemacht, im Maschinen- und Anlagenbau 62 Prozent, in der Automobilindustrie 25 Prozent. Für 36 Prozent dieser Unternehmen hat der Absatzmarkt China in den letzten drei Jahren sogar an Bedeutung gewonnen, für 22 Prozent verloren. In der energieintensiven Industrie hat der Markt für 43 Prozent der China-aktiven Unternehmen an Bedeutung gewonnen, im Maschinen- und Anlagenbau für 31 Prozent (verloren: je 21 Prozent).

Die konkreten Maßnahmen der Unternehmen in China in den letzten drei Jahren zeigen dasselbe Bild. Wo gehandelt wurde, geht es näher an den Markt: 20 Prozent aller Unternehmen haben Entwicklung, Einkauf und Produktion stärker in China organisiert (‚local for local‘), zwölf Prozent haben stärker in China investiert. Der Maschinen- und Anlagenbau geht hier am weitesten (‚local for local‘ 26 Prozent, Fokus auf profitable Segmente 27 Prozent, Produkte speziell für den chinesischen Markt 25 Prozent). Ihr Geschäft bewusst von der globalen Lieferkette abgekoppelt haben dagegen nur vier Prozent, ihre Aktivitäten in China reduziert ebenfalls vier Prozent.

Größere Unternehmen ab 100 Millionen Euro Jahresumsatz setzen am stärksten auf China: 58 Prozent machen dort Geschäfte, und sie bauen es am stärksten aus: 31 Prozent haben Partnerschaften mit chinesischen Unternehmen auf- oder ausgebaut; 28 Prozent Entwicklung, Einkauf und Produktion stärker in China organisiert; 23 Prozent Produkte speziell für den chinesischen Markt entwickelt; 18 Prozent stärker in China investiert. Zugleich verzeichnen sie am häufigsten Auftrags- und Kundenverluste an chinesische Wettbewerber.

„Viele Unternehmen richten ihre Lieferketten breiter und regionaler aus, um einseitige Abhängigkeiten in der Beschaffung zu reduzieren“, sagt Ralf Winzer. „Auf der Absatzseite zeigt sich bislang kein grundsätzlicher Rückzug aus China. Die Unternehmen verfolgen damit einen differenzierten Ansatz: Sie erhöhen die Resilienz ihrer Lieferketten, ohne auf die Chancen des chinesischen Marktes zu verzichten. Das ist betriebswirtschaftlich nachvollziehbar, denn China bleibt für viele Unternehmen sowohl als Absatzmarkt als auch als Teil ihrer Wertschöpfungs- und Beschaffungsstrukturen von großer Bedeutung.“

Ralf Winzer sagt: „Gleichzeitig verschärft sich der Wettbewerb mit chinesischen Anbietern – in China und in Europa. Entscheidend wird daher sein, das Geschäft konsequent an Profitabilität und strategischer Relevanz auszurichten, Abhängigkeiten zu begrenzen und die eigene Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Einzelne deutsche Unternehmen können ihre führende Position behaupten. Für die Industrie insgesamt ist mit einem intensiveren Wettbewerb zu rechnen.“

Über den German Economic Pulse 2026

Für den German Economic Pulse 2026 hat das Meinungsforschungsinstitut Forsa im Auftrag der Unternehmensberatung FTI-Andersch im Sommer 2026 insgesamt 151 Führungskräfte deutscher Industrieunternehmen telefonisch befragt: 37 Unternehmen aus der Automobilindustrie, 51 Maschinen- und Anlagenbauer sowie 63 Unternehmen der Branchen Chemie, Papier, Keramik und Metall (Energieintensive Industrie).

Die Ergebnisse können als repräsentativ für Unternehmen der Branchen Automotive, Maschinen- und Anlagenbau sowie Energieintensive Industrie (Chemie, Papier, Keramik und Metall) ab 10 Mio. Euro Jahresumsatz angesehen werden. Als größere Unternehmen bezeichnet diese Mitteilung Unternehmen ab 100 Millionen Euro Jahresumsatz.

Über FTI-Andersch

FTI-Andersch ist eine Unternehmensberatung, die ihre Mandanten in der Entwicklung und Umsetzung tragfähiger Zukunfts-, Performance- sowie Restrukturierungskonzepte unterstützt. FTI-Andersch begleitet aktiv Unternehmen, die sich mit strategischen, operativen oder finanzwirtschaftlichen Herausforderungen und Veränderungsprozessen beschäftigen müssen – oder frühzeitig Geschäftsmodell, Organisation und Prozesse zukunftsfähig ausrichten möchten. Zu den Mandanten zählen insbesondere mittelständische Unternehmen und Konzerne, die international agieren. FTI-Andersch ist Teil der FTI-Consulting-Gruppe (NYSE: FCN) mit mehr als 8.100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern weltweit.

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